Der Salon
Das 19. Jahrhundert war das Jahrhundert des Bürgertums und der bürgerlichen Gesellschaft und damit eine Zeit der Salons. Das Besitz- und Bildungsbürgertum prägte im Wesentlichen Kunst, Kultur und Geistesgeschichte. Man traf sich in Gesellschaften zu Konzerten, Ausstellungen, Gesprächen. Man nahm Port zu sich, Tee, genoss das Inseldasein und delikates Gebäck, die angehaltenen Uhren, interessante Zeitgenossen, gähnte unverhohlen, wenn der Besuch des Salons zur Pflicht geriet, stritt und diskutierte über Tolstois Anna Karenina und ihren losen Lebenswandel, die Brüder Humboldt, Rodin und seinen jungen Privatsekretär Rilke, die Weber von Hauptmann, hörte die Kompositionen von Schumann, Mendelssohn-Bartholdy, Berlioz, Smetana, Bruckner, Rubinsten, philosophierte in der Tradition der französischen Salons des 17. und 18. Jahrhundert über Voltaire, Descartes, Kant, Rousseau, erregte sich über oder stritt für die Impressionisten, debattierte die Reichsgründung von 1871, die Industriealisierung, das Modell des Nationalstaats, die Sekularisierung Kontinentaleuropas, die Erfindung der Eisenbahnen und Dampfschiffe, der Telegrafie, der Glühlampe.
Den Roten Salon in Halle/Saale gibt es seit 1997. Den Auslöser gaben eine große bürgerliche Wohnung. Unbändige Lebenslust. Und befreundete Künstler. So ist es geblieben. Über die Zeit und mit wechselnden Menschen. Und einem Salon-Trio als Basso Continuo: Kerstin Hartinger, Thoralf Fuchs und Marschel Schöne. Unregelmäßig treffen sich seitdem Menschen unterschiedlichster Herkunft und Couleur zu Konzerten, Lesungen, Lichtspiel, Tango und Diskussionen, trinken Wein, genießen das Inseldasein und die feinen Buffetts, spannende Zeitgenossen, reden über Gott in Frankreich und die Welt. Bürgerlichkeit ist keine Voraussetzung. Kommen kann jeder. Der Salon existiert vor allem durch Menschen, ihre Phantasie und ihren Idealismus. Das Blaue Einhorn spielte hier, Wiglaf Droste las, die Londonder Pianistin Lola Perrin schreckte auch vor dem alten Klavier nicht zurück, der Gitarrist Falk Zenker spielte barfuss, der Geiger Toni Geiling zauberte Irland aufs Parkett. 5o Konzerte in 12 Jahren. Einige Lesungen. Ausstellungen. Zahlreiche aber nicht namenlose Gäste. Viele heruntergebrannte Kerzen. Das Holz im Kamin als Böllscher Zeitmesser. Ein Eintrittsobolus. Aber kein Kommerz. Eine warmherzige, private Atmosphäre. Zeit. Mitmenschen. Auch Ruhe. Auf dem roten Sofa in der grünen Bibliothek. Välkomna!

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